Der Sommer kommt und es wird jeden Tag wärmer in Kathmandu. Das ist super, denn dann ist duschen mit kaltem Wasser auch ganz angenehm. Tagsüber ist es jetzt fast unerträglich heiss und eine dicke Smog- und Staub-Wolke liegt über der Stadt, die sich auch erst nach der Regenzeit wieder auflösen wird. Wir nutzen die Morgenstunden im Schatten und die kurze Zeit mit Strom und WLAN um unsere Bilder hochzuladen und uns mit der Welt zu verbinden. Danach geht es zu Shakti-Milan wo wir jeden Tag neue Produkte ausprobieren, diskutieren, anpassen, weiterentwickeln oder auch verwerfen.

Video von unserer Begrüßung: https://www.youtube.com/watch?v=yk0b6bOAY00

An Ideen mangelt es uns nicht und wir müssen stark aufpassen, dass wir uns nicht verzetteln. Es gibt so viele Möglichkeiten und jeden Tag bekommen wir aus dem Netzwerk von Freunden und Bekannten noch einige dazu. Vielen Dank für Euer Feedback und die vielen Anregungen an dieser Stelle.

Mittlerweile haben wir auch noch einiges an Hintergrundgeschichten erfahren, die Gokul und Prakriti sich aufgespart hatten um sie uns persönlich zu erzählen.

 

Leiser Abschied von Mahendra und Kalpana

Eine davon ist die Geschichte von Mahendra und Kalpana, die uns leider verlassen haben. Das Ehepaar aus der Kaste der Unberührbaren, war kurz vor dem Erdbeben im letzten Jahr zu uns gestossen, nachdem sie durch einen Brand in ihrem Dorf alles verloren hatten. Sie haben sich beide in den letzten Monaten prima entwickelt. Mahendra konnte alle Taschen nähen und wir haben ihn auch für die schwierigste -die Laptoptasche– ausgebildet.

Beide waren clever, fleissig und gut im Team integriert. Eigentlich eine Erfolgsstory. Und von einem auf den anderen Tag sind sie dann nicht mehr zur Arbeit gekommen. Auch waren sie nicht mehr zu erreichen. Prakriti hat tagelang versucht sie ausfindig zu machen, wie zuletzt nach dem Erdbeben, als wir schon befürchtet hatten, dass sie zu den Opfern gehörten. Irgendwann hat Prakriti dann doch mit Kalpana sprechen können. Ihr Mann, so berichtete sie, sei in die Golfstaaten unterwegs und sie könne als Frau nicht allein in Kathmandu bleiben und sei auf dem Weg zurück in ihr Dorf. Das ist ein trauriger Klassiker in Nepal. In der Hoffnung auf einen guten Verdienst, der die Familie ernähren kann, verlassen jedes Jahr tausende Nepalesen ihr Land um im Ausland, zumeist in den Golfstaaten, zu arbeiten. Dabei wandeln sie auf einem sehr schmalen Grad zwischen Menschenhandel und Gastarbeitertum.

Dabei dienen die Gelder in erster Linie dem Lebensunterhalt der in Nepal verbliebenen Familien. Wachstum und Investitionen sind damit nicht zu erreichen.

Wir wünschen Mahendra und Kalpana viel Glück und Erfolg und hätten wir von ihren Plänen gewusst, dann hätte es auch eine ordentliche Abschiedsparty gegeben.

 

Besuch in der Deutschen Botschaft

Heute sind wir aufgeregt, denn wir haben einen offiziellen Termin in der Deutschen Botschaft mit Dirk Steffes-enn, Erster Sekretär der Deutschen Botschaft in Kathmandu und verantwortlich für Entwicklungsprojekte und NGOs.

Schon gestern abend haben wir uns auf diesen Termin vorbereitet. Zu viert auf dem Bett, mit Laptop und Büchlein haben wir uns überlegt, was wir vermitteln und was wir aus diesem Termin mitnehmen möchten, die Sprechrollen verteilt und die Zahlen, Daten und Fakten geübt. Und natürlich die wichtigste aller Fragen diskutiert: „Was ziehen wir an?“

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Geschniegelt und gestriegelt machen wir uns mit den Scootern auf den Weg zur Botschaft. Noch einmal kurz aufs Dach und Foto machen, weil wir ja gerde alle zu repräsentabel aussehen. Dann noch ein kurzer Abstecher zu Shakti Milan, denn dort liegen noch die Visitenkarten… Die Zeit wird allmählich knapp. Gokul eruiert noch einmal, ob die angegebene Uhrzeit für den Termin einen Spielraum beinhaltet. Nein, sagt Oliver. Die Botschaft befindet sich sozusagen in Deutschland und da wird erwartet, dass wir pünktlich sind. Naja, am Eingangstor der Botschaft waren wir immerhin um punkt 13 Uhr. Dass es so lange gedauert hat, bis wir durch die Sicherheitskontrollen durch waren, dass konnte man nun wirklich nicht ahnen ;-)).

Der Termin läuft gut. Herr Steffes-enn ist super nett und wir bekommen die Gelegenheit Shakti Milan, unsere Vision und unsere Pläne vorzustellen. Dazu erhalten wir noch einige weitere Kontakte, die wir in den nächsten Tagen angehen und viele interessante Einblicke in die Deutsch-Nepalesische Zusammenarbeit hier im Lande. Mehr als 130 Deutsche NGOs sind der Botschaft bekannt, die in Nepal Entwicklungshilfe leisten. Direkt nach uns werden die Zahnärzte ohne Grenzen in der Botschaft vorstellig, die gerade Schwierigkeiten haben ihre Ausrüstung durch den Zoll zu bekommen.

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Das Gruppenfoto, was wir zum Abschied vor der Botschaft machen, ist der Renner in Nepal. Gokul teilt es direkt auf Facebook und bekommt hunderte von Likes aus seinem Netzwerk. Die Gelegenheit in die Deutsche Botschaft zu kommen, haben die meisten Nepalis nur, wenn sie ein Visum beantragen, nicht aber um sich über eine Stunde mit einem Repräsentanten der Botschaft zu unterhalten.

Am Abend trinken wir darauf ein Everest Bier!

 

Arbeitgeberattraktivität in Nepal

In unserem neuen Show-Room steht ein schwarzes Sofa aus Kunstleder. Schön ist es nicht (zumindest für meinen Geschmack) aber eindrucksvoll. Irgendwann frage ich Prakriti, wo wir denn das Sofa herhaben. In unserer Buchführung habe ich diesen Posten nicht gesehen. Auch nicht den schweren Schreibtisch, der im selben Raum steht. Sie grinst mich an, und sagt „it’s my personal investment“. Und damit ist die Sache vom Tisch. Irgendwie finde ich das interessant und will es verstehen. Möbel sind unheimlich teuer in Nepal, das weiss ich.

Ein paar Tage später nehme ich einen neuen Anlauf. „Woher kommen die Möbel?“ Prakriti erklärt es mir. Erst, so sagt sie, wollten sie kein Geld für Möbel ausgeben, aber dann haben wir den Effekt gesehen, den allein das Streichen des Show-Rooms bei den Shakti Milan Ladies hatte. Auf einmal sehen sie uns als ein richtiges Unternehmen, nicht nur ein Raum voller Nähmaschinen. Wir haben einen Nähraum, ein Lager und ein repräsentatives Office / Show-Room. 3 Räume also. Das signalisiert Sicherheit und fördert das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit von Shakti Milan. Das Sofa und der Schreibtisch verstärken diesen psychologischen Effekt. Und die Möglichkeit, Einzelgespräche mit den Team-Mitgliedern zu führen (Prakriti hinterm Schreibtisch und das Team-Mitglied gegenüber auf dem schwarzen Sofa), hat erheblich zur Stabilisierung des Teams beigetragen.

Tja, während wir in Europa gerade hippe Co-Workingspaces auf Augenhöhe einrichten, um Arbeitgeberattraktivität zu fördern, zählen hier noch Hierarchie und Einzelbüro. Zwischen diesen beiden Welten zu pendeln, immer mit dem Ziel etwas zu bewegen und zu erreichen und sich dafür der jeweiligen Kultur anzupassen, das macht mir einen riesen Spass.

 

Besuch im Krankenhaus

Oliver: Ich habe Gokul gebeten mich mitzunehmen, wenn er für die nächste Aktion in dem Erdbebenhilfe-Projekt zur Traumabewältigung bei Kindern unterwegs ist. Viele Kinder mussten während des Erdbebens direkt miterleben, wie Familienmitglieder verschüttet werden und auch starben. Gokul hat mit seiner Organisation Access Nepal eine Initiative ins Leben gerufen, in der Teams ausgebildet werden, die den traumatisierten Kindern helfen können („Post-Disaster Mental Health Support Program“). Mit den Spenden, die wir im letzten Jahr mit unserer Aktion „We are Nepal“ gesammelt haben, unterstützen wir diese Initiative nun schon seit fast einem Jahr.

Nun hatte ich die Möglichkeit den 14jährigen Khum samt Mutter und Cousine und Gokul ins Krankenhaus zur Nachuntersuchung zu begleiten. Khum kommt aus einem Dorf in Sindhupalchok, in dem Kerstin vor einem Jahr nach dem Erdbeben auch Ersthilfe geleistet hat. Bei dem Erdbeben musste er den Tod seiner Großmutter miterleben, nachdem kurz vorher bereits sein Vater verstorben war. Inzwischen wird er dabei begleitet diese Erlebnisse zu verarbeiten. Das Programm hat 18 weitere Kinder vor Ort in der Schule identifiziert und hilft allen.

Bevor man zum Arzt kommt, muss man ein Ticket kaufen. Das „Teaching Hospital“ hat an einem Tag in der Woche „Kindertag“ wo alle Abteilungen zur Behandlung speziell für Kinder geöffnet werden. Das Ticket deckt die Kosten für den Arzt ab und weist einen Termin zu. Wir warten in der Wartehalle knapp über eine Stunde und ich versuche mich mit Khum über allgemeine Dinge zu unterhalten. Er kann ein ganz wenig Englisch und Gokul übersetzt den Rest.

Plötzlich taucht ein Mann auf und es kommt Bewegung in die Gruppe. Gokul geht mit der Mutter, der Cousine und dem Jungen zum Arzt, ich bleibe draußen. Nach wenigen Minuten kommen sie wieder und sind alle zufrieden. Der Junge macht Fortschritte und soll nun zusätzlich zum seinen Medikamenten täglich entspannende Übungen praktizieren. Alle zusammen verlassen wir das Krankenhausgelände um uns zu stärken.

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Direkt vor den Toren des Krankenhauses gehen wir aber zuerst zur Apotheke. Diese hat ungefähr die Größe eines Zeitungskiosks in Deutschland. Hier kauft Gokul die Tabletten und bezahlt. Die Familie selber könnte sich die Tabletten nicht leisten.

Doch nun wollen wir uns stärken und stoßen mit Fanta und einer Portion MoMos auf den glücklichen Moment an.

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